Der Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen Deutschland und Russland  macht Ressourcen für eine neue Offensive an der Westfront frei. Erneut sterben Hundert­tausende von Soldaten in den Offensiven des Jahres 1918, ohne dass eine Seite entscheidende Vorteile erringen kann. Die Lebensmittel werden ständig knapper und teurer, und die Verbitterung in der Bevölkerung zeigt sich in Demonstrationen und Streiks. Nach Massendemonstrationen dankt Kaiser Wilhelm II. am 9. November 1918 ab. Auch in der Schweiz stehen sich Bürgertum und Arbeiterschaft immer unversöhnlicher gegenüber. Der Bundesrat bietet 110‘000 Truppen auf und besetzt die wichtigsten Städte aus Angst vor einer bolschewistischen Revolution. Das Oltener Aktionskomitee (OAK) ruft für den 12. November zum Landesstreik auf. Dieser wird aber nur in Teilen der Schweiz befolgt und endet am 14. November mit einer Kapitulation der Arbeiterschaft. 

Stimmen gegen den Krieg

Viele Künstler, die gegen den Krieg protestieren, finden in der Schweiz eine Möglichkeit, ihre Ansichten zu veröffentlichen. Im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg können die meisten legal einreisen und sich während der Kriegsjahre in der Schweiz aufhalten. Hier können sie ihre Schriften zum Teil in bedeutenden Zeitungen, meist aber in kleineren Zeitschriften oder Exilzeitschriften publizieren. Die oft noch unbekannten Künstler leben in wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen, viele sogar in Armut. Die Schweizer Bevölkerung begegnet ihnen mit Gleichmut, während die Behörden ihre Aktivitäten überwachen, sobald sie «kommunistische Umtriebe» festzustellen glauben.

«Genug»: Holzschnitt gegen den Krieg, 1917 erschienen in der pazifistischen Zeitschrift «les tablettes» (ProLitteris, Zurich)

Der Tisch bleibt leer

Im Sommer 1918 sind schweizweit rund 700’000 Personen auf die Zuteilung verbilligter Milch- und Brotrationen angewiesen. Das entspricht einem Fünftel der Bevölkerung. Bund, Kantone und Kommunen finanzieren die Notstandsaktionen gemeinsam. Seit 1914 haben sich die Lebenskosten mehr als verdoppelt. Neben höheren Nahrungsmittelpreisen belasten steigende Mieten, Heiz- und Bekleidungskosten das Budget massiv. Die Erfahrung existenzieller Not löst fundamentale Diskussionen über die soziale Sicherheit aus. Längerfristig führt dies zur Einführung der Erwerbsersatzordnung und zu entscheidenden Neuerungen in der Ernährungs- und Agrarpolitik. 

Ausgabestelle für Brotkarten in Lausanne, 1917 (Musée Historique de Lausanne, Eugène Würgler)

Streik!

Die Lebensbedingungen verschlechtern sich ständig und die Proteste häufen sich. Im Oktober 1918 streiken die Zürcher Bankangestellten – ein nie dagewesenes Ereignis. Am 9. November beschliesst die Zürcher Arbeiterschaft einen Generalstreik und tags darauf eine Demonstration zum ersten Jahrestag der Russischen Revolution. Das Oltener Aktionskomitee (OAK) ruft für den 12. November zum Landesstreik auf. Dieser wird aber nur in Teilen der Schweiz befolgt und endet am 14. November mit einer Kapitulation. Von den neun Forderungen des OAK werden lediglich zwei – die Proporzwahl des Nationalrates und die 48-Stunden-Woche – erfüllt. Die Fronten zwischen Links und Rechts verhärten sich in den folgenden Jahren.

Mit blankgezogenem Säbel steht die Kavallerie auf dem Paradeplatz in Zürich den Demonstranten gegenüber, 1918 (Stadtarchiv, Zürich)

11.11.18

Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Compiègne am 11. November 1918 endet in Europa ein Krieg, der die Welt grundlegend verändert. Die deutsche, die österreichisch-ungarische und die russische Monarchie sowie das Osmanische Reich brechen auseinander. An ihre Stelle treten vorerst noch instabile Nationalstaaten und neue Formen der Herrschaft wie das Rätesystem in der Sowjetunion. Während die Deutschschweiz auf den Landesstreik zusteuert, wird in der französischen Schweiz das Ende des Krieges mit Kundgebungen begangen.

Auf die Nachricht des Waffenstillstandes versammeln sich die Menschen auf dem Platz Saint-François in Lausanne, um das Ende des Krieges in Europa zu feiern, 1918 (Musée Historique de Lausanne)

Blick ins Ausland 1918

Blick ins Ausland 1918

«Was wird von allem [...] übrig bleiben, wenn der Kampf zu Ende sein wird? Ein Leichenhaufen, ein Trümmerhaufen, ein Irrenhaus!» Alfred Hermann Fried, aus «Mein Kriegstagebuch», April 1915